Hyperland
Mario Sixtus erzählt von einer Zukunft, in der die sozialen Medien vollständig die Macht übernommen haben. Das Tun jedes Einzelnen wird von der Öffentlichkeit gesehen und in ein Bewertungssystem eingespeist, wer die Gunst der Masse hat, wird mit Privilegien belohnt. Sixtus allerdings zeigt die spannendere Variante, die Existenz derer, die in diesem System abstürzen und jenseits der Gesellschaft leben. Gleichzeitig behandelt er in HYPERLAND Themen, die mit der digitalisierten Welt einhergehen - Fake News, Fake Facts, Hetzkampagnen im Netz, alles in Gang gebracht durch eine Vergewaltigung, für die der Täter dem Opfer die Verantwortung zuschiebt. Da mündet der Science-Fiction dann in einen Thriller, weil Cee, die Hauptfigur, sich notfalls mit krimineller Energie zur Wehr setzt.
HYPERLAND, für die ZDF-Reihe "Dystopien" produziert, trägt mehrere beliebte Science Fiction Themen in sich. Der Film erzählt von einem Leben "im Stream", will heißen, alle Menschen haben zwei Sonden am Kopf, die sie online mit dem Rest der Welt verbinden. Privatsphäre ist passé, Handy als Kommunikationsmittel auch, denn was man erlebt, wird jetzt direkt vom Gehirn aus öffentlich, man kann es etwa im Vorbeigehen an die Hauswände projizieren. Die Öffentlichkeit wiederum beurteilt das Gesehene oder Gehörte und bewertet es dann mit Punkten. Jedermanns Leben ist eine Social-Media-Tapete, Erfolg oder Misserfolg liegt in der Zustimmung oder Ablehnung, die man dafür erhält. Das Bewertungssystem heißt hier "Carma-Count": je mehr Punkte eine Person hat, um so mehr Privilegien erhält sie. Und umgekehrt - zu wenig Punkte versperren schon mal die Tür zum Einkaufszentrum; sollte jemand all seine Punkte verlieren, wird er unsichtbar. Solche "Zeroes" sind die Ausgestoßenen der digitalisierten Welt, sie dürfen erst nach langwierigen Resozialisierungsprozessen wieder zurück ins allgültige Netz.
Die Bewertungs-Idee ist nicht sonderlich utopisch. In der britischen TV-Serie "Black Mirror" wird schon seit 2011 Ähnliches verhandelt, in Teilen Chinas wird es gerade Realität. Also bewegt sich die junge Hauptfigur Cee in HYPERLAND womöglich in recht naher Zukunft. Anfangs ist sie guter Dinge, etwa so lange, bis der Zuschauer die Regeln der Umgebung verstanden hat. Dann besucht Cee eine Party, schick irgendwo in leeren Kellern. Der Film bemüht sich um futuristische Pracht, die Szenerie wird bestimmt von zerfließenden Farben, Formen, digitaler Verfremdung, mittendrin bewegen sich Tänzer wie in Trance. Auf dieser Party wird Cee von Marvin angesprochen, nach kurzem Flirt in einen abschließbaren Nebenraum geführt, dort vergewaltigt. Er zieht ihr dabei einen Helm über den Kopf, der ihre Verbindung zum Stream blockiert, so wird es keine Zeugen geben, selbst wenn Cee von dem KO-Schlag erwacht, den er ihr verpasst hat.
Hier irrt Marvin. Cee ist, das erzählt ein Nebenstrang der Geschichte, die Tochter des Wissenschaftlers, der einst die stete Verbindung ins Netz erfunden hat. Für Cee allerdings hat er damals einen Notausgang gebastelt, eine Art Kopfhörer, die ihr den Rückzug aus dem Netz erlauben. Genauso kann sie damit Marvins Netz-Blockade unterlaufen. Komplizierte Sachlage, zugegeben, aber eins wird klar: Cee kann zumindest Teile ihrer Vergewaltigung für die Öffentlichkeit sichtbar machen. Anschließend fordert sie wütend Marvins Bestrafung. Der allerdings widerspricht den Bildern. Er verweist auf Kontext, der Sex sei einvernehmlich gewesen, die Gewalt nicht nur abgesprochen sondern von Cee in aller Härte ausdrücklich gewünscht. Ab jetzt zeigt HYPERLAND eine weitere Facette von Social Media: die Entstehung, Vermehrung und Popularisierung von Fake News.
Marvin beginnt eine Schmutzkampagne gegen Cee, der die Öffentlichkeit bald die Gunst entzieht und damit auch sämtliche Karmapunkte. Die Überraschung ist allerdings, dass Cee als "Zero" nicht allein ist - es gibt unerwartet viele davon, sie leben mit ihrem Anführer Albert in einer leerstehenden Bibliothek. Hier ist der öffentliche Druck geringer, das gibt dem Film Raum, sich der Vergangenheit zuzuwenden. In etlichen Rückblenden wird von Cees Kindheit erzählt, von der Erfindung ihres Vaters, von dessen ungeklärtem Verschwinden, auch davon, wie Cee einst einen Jungen fast in den Selbstmord trieb. Dieser Junge allerdings überlebte, und allmählich werden größere Zusammenhänge sichtbar: Der Junge ist Albert, seit Jahren nur mit dem Gedanken befasst, an Cee Rache zu nehmen. Jetzt hätte er seine Chance - aber er nimmt sie nicht wahr, denn Cee ist, entgegen seiner Erwartung, eine Frau, die aus ihren Fehlern gelernt hat. Sie ist tolerant, respektiert ihre Mitmenschen, tatsächlich beginnt Albert, sie zu mögen.
Aber das bringt Cee in ihrem Kampf um Gerechtigkeit nicht weiter. Selbst Cassandra, eine dubiose Netz-Kriminelle, an die sie sich schließlich wendet, kann ihr nicht helfen. Marvin, reich und gerissen, hat die Massen auf seiner Seite. Der Film wechselt auf die Ebene des Thrillers, so spannend wie raffiniert werden Intrigen durchgespielt, Geheimnisse aufgedeckt, immer in Bildern inszeniert, denen ein Stilwillen anzusehen ist. Cee wird sich letztlich keine Gerechtigkeit holen, aber zumindest eine analoge Genugtuung, weil sie Marvin ordentlich verprügelt. Dass sie mehr von der schönen digitalen Welt nicht erwarten kann, schon gar nicht ein Interesse an der Wahrheit, ist ihr inzwischen klar. Also nimmt HYPERLAND einen konsequent dystopischen Ausgang, so etwas muss man wertschätzen, insbesondere, wenn auch ein Happy End mit Albert möglich gewesen wäre.
Bild © Marcelo Busse Filmproduktion